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Hand auf Hand. Forschung zur Akrobatik.

Dinge und Menschen durch die Luft werfen. Clown sein. In schwindelerregenden Höhen balancieren. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt, was Menschen im Zirkus machen. Wie im letzten Artikel angekündigt, beschäftige ich mich damit, welche Forschung es zu Zirkuskünsten gibt. Was passiert emotinal, kognitive oder mit meinem Körper, wenn ich jongliere, balanciere, oder Akrobatik mache, was trainiert es neben der Zirkusdisziplin? 

Die Anzahl der Studien ist gering und viele erkunden was spannende Fragen sein können. Eine allgemeine Schwäche ist, dass die Stichproben sehr klein sind. Im Bereich der Balljonglage, sowie Akrobatik konnte ich mehrere Studien finden. In diesem Text gehe ich auf Akrobatik ein. Dann im nächsten Blogbeitrag beschäftigte ich mit Erkenntnissen zur Jonglage.

Zirkus ist nicht nur Leistungssport.

Doch erst noch etwas Allgemeines zu den Zirkuskünsten. Artisten bringen nicht nur höchste körperliche Leistung, sondern sprechen darüber hinaus das Publikum an und stellen Gefühle dar. Für den beruflichen Erfolg ist es so neben Selbstbewusstsein, Konzentration und Energiemanagment auch Emotionsmanagment wichtig. Diese Eigenschaften sehen befragte Clowns und Luftakrobaten aus der explorativen Studie der Psychologen Ross und Shapiro (2017) wichtig, um erfolgreich zu sein. Mich interessiert, was es macht mit Menschen, wenn sie viel Zirkus machen?

Akrobaten können blind balancieren.

Dieser Frage gehen Sportwissenschaftler Raphaël Dolléans und seine Kollegen (2011) von der Universität Montpellier nach. Sie fanden 66 Studien, die einen psychologischen Blick auf die Arbeit von Akrobaten warfen. Sie gliedern die Metastudie folgend: Wie ist der Auftritt organisiert, wie bereiten sie ihn vor und wie verändern sich Zirkuskünstler beim Üben? Im Training stehen sie vor Problemen, wenn sie sich beispielsweise verletzen. Angst und Müdigkeit waren die zwei Hauptursachen, die bei vermehrt verletzten Akrobaten auftauchen.

In meiner Recherche habe ich gesehen, dass Forscher sich bei Akrobaten auf die Körperhaltung fokussieren. Dolléans und Kollegen fanden heraus, dass Akrobaten sich beim Balancieren stärker auf ihre Eigenwahrnehmung verlassen als auf ihre Sicht. Dem folgen andere Studien, die mit Akrobaten arbeiten. Physiologin Eve Golomer von der Universität Paris VI fand in ihrer Studie aus dem Jahr 1997 heraus, dass Ballerinas sich mehr auf die Sicht verlassen als Akrobaten, um ihre Körperhaltung zu kontrollieren. In einer Folgestudie von Sportwissenschaftler Philippe Perrin (2002) und Kollegen von der Universität Universität Henri Poincaré stellt er dar, dass Tänzer Orientierungspunkte im Raum nutzen, wohingegen die Akrobaten ihre Propriozeptoren nutzen. Propriozeptoren informieren uns über Muskelspannung, Muskellänge, Gelenkstellung und Bewegung und geben uns dadurch auch eine Orientierung im Raum.

Wie balancieren Profiartisten?

Bewegungswissenschaftlerin Gabriele Wulf (2008) von der Universität Nevada-Las Vegas untersucht in ihrer Studie die besten Akrobaten – Balanceartisten vom Cirque du Soleil. Im Test mussten die Teilnehmenden auf einer Scheibe balancieren. Es gab drei Konditionen. Sie wählten selbst den Fokus, oder mussten einen externen beziehungsweise internen Fokus verwenden. Beim externen Fokus konzentrierten sie sich auf die Scheibe und beim internen Fokus darauf, dass die Füße sich weniger bewegen. Normalerweise ist es für Erfahrene und Anfänger besser externe Orientierungspunkte zu verwenden. Für die Cirque du Soleil-Artisten war es am besten, wenn sie selbst wählen konnten, worauf sie sich fokussieren. Wulf meint, dass die Cirque du Soleil-Artisten so trainiert sind, dass Vorgaben ihnen nicht helfen. Wulfs Studie betrachtet Akrobaten am oberen Ende des Leistungsspektrums. Doch wie sieht es eigentlich mit Kindern aus, die in den Anfängen des Bewegungslernen stecken? Dort ist die Forschung sehr rar.

Zirkus bewegt.

Eine Trainingsstudie habe ich gefunden. Die Studie von der Sportmedizinerin Sonia Sahli und Kollegen von der Universität CHU Habib Bourguiba in Tunesien aus dem Jahr 2013 zeigt, dass zwei Jahre ein wöchentliches zirkuspädagogisches Programm die Körperhaltung von fünf- bis sechsjährigen Kindern verbessert. Die Kinder haben jongliert, balanciert und Akrobatik gemacht. Die Vergleichsgruppe hatte die gleiche Zeit Sportunterricht.

Wie wir gesehen haben, trainiert Akrobatik die Körperhaltung und sensibilisiert die propriozeptive Wahrnehmung. Für Teilnehmer von zirkuspädagogischen Angeboten ist es auch wichtig nicht nur technisch viel zu lernen, sondern auch die Kreativität zu wecken. Wie präsentiere ich meinen Handstand auf der Bühne? Wie spreche ich mein Publikum an? Die emotionale Seite, wichtig für den Ausdruck auf der Bühne, wäre auch spannend zu erforschen.

In nächsten Blogbeitrag präsentiere ich dann Ergebnisse der Jonglageforschung. Dabei geht es auch um Nickerchen. Verschlaft den Beitrag nicht!

Quellen

Dolléans, R., Hauw, D., Day, M., & Sarremejane, P. (2011). Psychological processes involved during acrobatic performance: a review. Sport Science 4 (1), 19–29. Abgerufen von https://www.researchgate.net/profile/Denis_Hauw2/publication/228409854_PSYCHOLOGICAL_PROCESSES_INVOLVED_DURING_ACROBATIC_PERFORMANCE_A_REVIEW/links/54d32cbd0cf250179181963e.pdf

Golomer, E., Dupui, P., & Monod, H. (1997). The effects of maturation on self-induced dynamic body sway frequencies of girls performing acrobatics or classical dance. European Journal of Applied Physiology, 76(2), 140–144. https://doi.org/10.1007/s004210050226

Perrin, P., Deviterne, D., Hugel, F., & Perrot, C. (2002). Judo, better than dance, develops sensorimotor adaptabilities involved in balance control. Gait & Posture, 15(2), 187–194. https://doi.org/10.1016/S0966-6362(01)00149-7

Ross, A., & Shapiro, J. (2017). Under the big top: An exploratory analysis of psychological factors influencing circus performers. Performance Enhancement & Health, 5(3), 115–121. https://doi.org/10.1016/j.peh.2017.03.001

Sahli, S., Ghroubi, S., Rebai, H., Chabane, M., Yahia, A., Prennou, D., & Elleuch, M. H. (2013). The effect of circus activity training on postural control of 5?6-year-old children. Science & Sports, 28(1), 11–16. https://doi.org/10.1016/j.scispo.2011.10.010

Wulf, Gabriele. (2008). Attentional focus effects in balance acrobats. Research Quarterly for Exercise and Sport, 79(3), 319–325. Abgerufen von http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/02701367.2008.10599495

Über Florian Bögner

Florian Bögner

Florian Bögner macht gerade die Weiterbildung zum Zirkuspädagogen BAG bei Cabuwazi in Berlin. Er studierte Theater, Film- und Medienwissenschaften und Kognitionswissenschaften in Wien.

Er ist Feuerjongleur, inszenierte freie Theaterprojekte und brennt für den Zirkus. Er freut sich darauf, die Begeisterung weiterzugeben. Hier reflektiert er über die Weiterbildung.

Für Bildermenschen – folgt ihm auf Instagram.

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