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Interview zur Fortbildung im ZAK

Wir hatten die Möglichkeit mit Tino aus Bonn über seine Zirkuspädagogik-Fortbildung am Zentrum für Artistik in Köln (ZAK) zu sprechen. Falls Ihr mehr über die Ausbildung oder andere Angebote erfahren wollt, solltet Ihr Euch einmal auf der Homepage des ZAK umsehen.

Jens: Hallo Tino, stell Dich doch einfach mal kurz vor.

Tino: Ich heiße Tino, im Mai werde ich achtzehn und mache nächstes Jahr mein Abi. In der Zirkus-AG meiner Schule bin ich seit der fünften Klasse, seit 2000/2001 fahre ich auch mit auf die Jonglierconventions. Die einjährige ZAK-Ausbildung mache ich jetzt seit November 2008.

Jens: Was fasziniert Dich an dieser Art von Zirkus?

Tino: Seit ich damals in die Schul-AG gekommen bin hat mich Zirkus total begeistert. Konkret beim Jonglieren gibt es so viel spannende Seiten: Eine tolle Koordinationsübung für die beiden Gehirnhälften, das ganze Motoriktraining was daraus resultiert, das Gedächtnis wird durch das Merken von Wurfmustern geschult etc. Ganz besonders wichtig ist meiner Meinung nach das Erarbeiten von Tricks in den verschiedenen Disziplinen. Du lernst beispielsweise erst die Drei-Ball-Kaskade. Und dann, wenn Du Tricks lernst, fängst Du quasi immer wieder bei Null an und musst immer wieder dieses neue System verstehen und Dir sagen: Ich muss das jetzt so lange machen, bis ich diesen Baustein beherrsche. Du musst das Lernen lernen und Dich dabei immer wieder neu motivieren und neue Bewegungsabläufe analysieren, Deine Fehler korrigieren. Ich bin übrigens Legastheniker, hatte früher viele 6en, nicht nur in Deutsch in Diktaten sondern auch in allen möglichen anderen Tests. Ich hatte in der fünften Klasse einen Durchschnitt von 3,6 und bin zu diesem Zeitpunkt in die Zirkus-AG gekommen. Ich glaube, dass das mir – neben anderen Faktoren natürlich – sehr viel für die Schule gebracht hat. Eben solche Sachen, die ich eben erwähnt habe, sich Dinge erarbeiten können und den Ehrgeiz dafür entwickeln. In der siebten Klasse lag mein Durchschnitt dann bei 1,6.

Jens: Ich kann mir vorstellen, dass sich wegen der Schule nicht viele andere Standorte als Köln angeboten haben. Hast Du Dich aber vorher über das ZAK informiert oder Empfehlungen von Leuten erhalten?

Tino: Ich habe schon relativ früh mitbekommen, dass man diese Ausbildung in Köln machen kann. Mehrere Freunde und Bekannte von mir haben mir das empfohlen. Außerdem, gibt es im ZAK ja immer die Abschlussvorführungen. Da wird dann eine Woche nochmal intensiv geübt und dann gibt es eben eine Art Galashow. Die habe ich vom letzten Jahrgang gesehen und das war schon cool. Also, was die gemacht haben, was die sich ausgedacht und rübergebracht haben. Und da bin ich drauf gekommen, dass das eigentlich eine richtig geile Sache wäre, die Ausbildung zu machen. Ich möchte das jetzt nicht später beruflich machen oder so, aber vielleicht so nebenher. Zudem glaube ich, dass es für Kinder auch ganz groß ist sowas zu machen.

Jens: Du hast ja schon sehr früh in der Zirkus-AG angefangen und dementsprechend Vorerfahrung in diesem Bereich. Werden die Kurse danach differenziert oder kann man auch als völliger Neuling anfangen?

Tino: Am ZAK gibt es nur einen Kurs [Anmerkung: Eine Aufbaufortbildung startet im Herbst 2009]. Man muss also nichts an Fertigkeiten mitbringen. Was man mitbringen sollte ist einfach nur, da richtig Bock drauf zu haben – auch zu lernen. Ich würde sagen das ist so halb / halb. Du lernst was Du den Kindern als Input gibst, also die ganzen Disziplinen – Jonglage, Balance, Akrobatik, Clownerie, Zauerei, Fakir und so. Zum anderen ist es wirklich dieser pädagogische Aspekt, das heißt, dass Du wirklich die Methodik zum Beibringen lernst, Sicherheitsstellungen zum Beispiel. In meinem Kurs sind jetzt vier Leute die selber eine Zirkus-AG machen und dementsprechend viel können, aber es gibt auch welche, die gar keine Vorerfahrung haben. Die haben das Jonglieren eben dann erst im Kurs gelernt. Gerade diese zusammengewürfelte Gruppe bringt es halt voll. Unser Kurs lebt auch davon, dass die Leute, die schon Erfahrung haben das auch in den Kurs miteinbringen. Manche haben auch nicht die Zirkuserfahrung, aber beispielsweise Sozialpädagogik studiert und haben dementsprechend Erfahrung wie man mit Kindern umgeht,Gruppen anleitet oder Stunden koordiniert. Das ist schon klasse.

Jens: Wie sieht denn das Verhältnis von Theorie und Praxis aus? Sind das jeweils einzelne Blöcke oder eher learning by doing?

Tino: Ich glaube, so ist das angesetzt. Ich hatte aber bisher auch erst zwei von acht Dozenten, deshalb kann ich da noch nicht so viel zu sagen. Bei meinen beiden Dozenten war das aber unterschiedlich, zum Teil Theorie und Praxis gemischt, zum Teil getrennt. Wie haben zum Beispiel einen bestimmten Jongliertrick so gelernt, wie wir den auch den Kindern beibringen würden und haben dazu dann gleich den Theorieinput bekommen und konnte dazu Fragen stellen – also sehr praxisnah.

Jens: Zum Ende findet eine Abschlussvorführung statt, das hattest Du ja schon erwähnt. Wie sieht es im Theoriebereich mit Prüfungen aus?

Tino: Es gibt immer wieder nach den Blocks oder in den Blocks Lehrproben. Du bekommst Zeit Dich vorzubereiten und alle anderen spielen dann die Kinder. Festgelegt wird dann einfach: Wie alt sind die Kinder? Was können die schon? Was möchtest Du vermitteln? Dann machst Du alles in Kurzform, vom Aufwärmen bis zum Schlussritual, einmal sowas durch mit denen. Quasi eineinhalb Stunden in zwanzig Minuten. Das wird im Anschluss dann ausführlich reflektiert und besprochen. Ansonsten gibt es noch ein zweiwöchiges Praktikum, das heißt, Du hast ein Projekt, das Dir – wenn Du nichts eigenes hast – das ZAK zuteilt. Und da machst Du dann zwei Wochen bei einem Kinderprojekt mit oder leitest eine AG mit. Immer als Begleiter von jemandem vom ZAK, also nicht ganz alleine. Aber auch schon so, dass Du Deine Aufgaben hast – nach Möglichkeit wird ein Großteil der Inhalte dann auch in der Praxis eingesetzt.

Jens: Wie sieht der Altersdurchschnitt in Deinem Kurs aus – Du bist wahrscheinlich der Jüngste, oder einer der Jüngsten?

Tino: Ich bin auf jeden Fall der Jüngste und wohl auch der erste Schüler der das macht. Dann gibt es ein paar Leute die gerade ihr Abitur gemacht haben oder schon angefangen haben zu studieren. Und eine Menge Leute mit abgeschlossenem Studium – Lehrer, viele Sozialpädagogen. Also nicht nur Leute, die schon eine Zirkus-AG oder ähnliches leiten und sich fortbilden wollen, sondern auch manchmal ganz andere Berufsgruppen, in meiner Gruppe macht zum Beispiel eine Gärtnerin mit.

Jens: Würdest Du denn sagen, dass die Ausbildung auch für Leute geeignet ist, die nicht ungedingt im Zirkus-AG-Bereich arbeiten wollen?

Tino: Naja – es ist schon ganz klar Zirkuspädagogik. Es wird geschaut was das Medium Zirkus Kindern bringen kann. Zirkus ist natürlich sehr vielseitig, also so Sachen wie Schulung der Feinmotorik kann sicherlich auch in anderen Berufsfeldern Einsatz finden, eine Teilnehmerin in meinem Kurs ist beispielsweise Physiotherapeutin. Aber es wird schon Wert darauf gelegt, wie man die einzelnen Disziplinen Kindern nahebringen kann und was das den Kindern bringen kann.

Jens: Vielen Dank für das Gespräch.

Über Jens Fissenewert

Jens Fissenewert
Jens Fissenewert hat Sport und Deutsch für das Lehramt Gymnasium an der Universität Göttingen studiert. Seit 2009 betreut er die Internetseite zirkuspaedagogik.de. Er arbeitet freiberuflich als Referent für Zirkus- und Spielpädagogik. Als Gründungsmitglied von Zirkonvention - Initiative für Bildung und Sport e. V. organisiert er seit 2011 die jährliche Fortbildung für Zirkus- und Bewegungskünste "Zirkonvention". Seit 2014 leitet er die Zirkusschule HalliGalli in der Gemeinschaft Tempelhof. Im Team von Zirkonvention e. V. ist er zudem als Organisator, Moderator und Referent für die werkstatt Mörlach bei Ansbach zuständig.

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