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„Hurra, ich kann was!“ – Der soziale Aspekt der Zirkuspädagogik

Zirkus holt die Kinder aus ihrem Alltag, egal, wie trüb dieser ist.

Meine Arbeit in sozialpädagogischen Zirkusprojekten führt mich immer wieder in Horte in Halle-Neustadt. Hier treffe ich oft Kinder aus sozialschwachen Familien und auch Kinder, welche durch ihre schulischen Leistungen jedes Selbstvertrauen verloren haben. Schlechte Noten in Deutsch und Mathe, Versetzungsgefährdung und Ärger zuhause. Einige der Kinder fühlen sich in ihrem jungen Alter schon als totale Versager.

„Ich kann was!“ und „Ich bin wer!“ sind zwei wesentliche Sätze, die zur gesunden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen dazugehört. Um dieses Gefühl des Selbstvertrauens und Selbstwertes aufzubauen eignet sich Zirkus ausgesprochen gut. Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt „Jedes Kind ist hochbegabt“. Es liegt an uns diese Begabungen zu sehen und zu fördern. Durch seine unglaubliche Vielfalt an Elementen und Methoden eignet sich die Zirkuspädagogik sehr gut dazu, Fähigkeiten in Kindern zu aktivieren und ihnen ein Gefühl der Einzigartigkeit zu geben. Egal, ob sie in der Schule versetzungsgefährdet sind oder von Mitschülern ausgelacht werden, in der Übung und auf der Bühne ist dies alles egal.

Unsere Projekte haben einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen mit je zwei bis drei Stunden Übungszeit am Tag. Für mich ist dabei eines klar: Begeisterung erzeugt Begeisterung und Spaß bringt Spaß. Diese zwei Aspekte sind für mich wesentlich. Nur wenn die Betreuer ihre Begeisterung für die Elemente transportieren können, können sie die Kinder mitreißen. Es ist dabei erstaunlich, welche großen Fortschritte dabei geschehen. Ich habe siebenjährige Kinder erlebt, welche nach 15 Minuten einen Jonglierteller allein andrehen konnten und nach zwei Wochen können einige drei-vier Tricks mit dem Diabolo. Sobald die Kinder ein Element für sich entdeckt haben entwickeln sie teilweise eine erstaunliche Frustrationstoleranz. Das anfängliche „Ich kann das nicht“ gehört dann auch schnell der Vergangenheit an.

Natürlich gibt es auch Kinder, die alles ausprobieren wollen und sich auf nix wirklich lang konzentrieren können. Aber auch diese können durchaus konstruktiv in das Bühnenprogramm eingebunden werden, sowohl als Bühnenhelfer oder auch als „Raubtiere“, welche die Pausen zwischen den einzelnen Nummern auflockern und das Publikum erheitern.

Ein weiterer Aspekt, den wir immer wieder beobachten können, ist der unglaublich positive Effekt auf das Sozialverhalten der Kinder. Dieses ist teilweise bei den Kindern mit denen wir arbeiten nur sehr rudimentär ausgeprägt. Zirkus ist ein gemeinschaftliches Projekt. Nur, wenn alle an einem Strang ziehen (und das optimalerweise an der gleichen Seite) gelingt eine schöne Zirkusaufführung. Gegenseitige Hilfe und der Austausch kreativer Ideen sind sehr wichtig, um allen ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit zu geben. Einige Elemente, beispielsweise die Laufkugeln oder die Seillaufanlage, sind echte Herausforderungen für manche Kinder. Die Überwindung der eigenen Angst geht dabei oft Hand in Hand mit der Erfahrung, dass andere für einen da sind und Sicherheit geben.

Das Highlight eines jeden Projektes ist natürlich die Aufführung. Hierfür bauen wir entweder ein Zirkuszelt auf, was bei den Kindern große Begeisterung hervorruft, oder wir dekorieren einen Raum als Zirkusmanege. Die Kinder haben ihre Eltern und Freunde eingeladen und oft wurden große Plakate gemalt, die auf den großen Tag hinweisen. Nach der Generalprobe am Vortag präsentieren die Kinder ihre neu erlernten Kunststücke dann mit allem was dazu gehört: Zirkusdirektor, Musik, Kostüm und Schminke.

Es ist nahezu unbeschreiblich, welche Atmosphäre bei diesen Aufführungen herrscht, wie konzentriert die Kinder ihre Nummern spielen und welcher Stolz in ihren Augen zu sehen ist, wenn es geschafft ist. Kinder, die sonst teilweise hart vom Leben getroffen sind, welche Opfer von Mobbing sind, schlechte schulische Leistungen bringen oder sehr arm aufwachsen, stehen plötzlich im Rampenlicht und bekommen Applaus für ihre Leistungen – ein wunderbares Gefühl der Bestätigung.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Zirkus eine sehr bedeutende Rolle im sozialpädagogischen Bereich spielt. Die Individualentwicklung wird gefördert und der Gruppenzusammenhalt gestärkt. Eltern wie auch Erzieher können die Kinder in ganz neuen Rollen sehen und erleben, welche Fähigkeiten in ihnen stecken.

Ganz nebenbei bekommen die Kinder auch eine Idee, was man anstatt fernsehen und Playstation spielen noch mit der Freizeit anfangen kann. Viele wünschen sich zum Geburtstag oder zu Weihnachten Jonglierbällen, ein Diabolo oder Jonglierteller. Nachdem ich einem Jungen einen Stab fürs Staff-Spinning gebaut und ihm diesen geschenkt habe kam er ein Jahr später zu mir und sagte mir, er habe das ganze Jahr geübt. Solche und ähnliche Geschichten zeigen mir die Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit der Projekte immer wieder deutlich auf.

Ich hoffe, dass der Trend anhält und immer mehr Kitas, Schulen und Horte mit Zirkuspädagogen zusammenarbeiten. Die Auswirkungen auf die psychomotorische Entwicklung wären meiner Ansicht nach unglaublich positiv.

Mir persönlich macht diese Arbeit sehr großen Spaß. Bisher haben wir auch fast immer sehr positives Feedback erhalten, sowohl von den Kindern als auch von Erziehern und Eltern. Einziger Kritikpunkt der Kleinen: Es war zu schnell vorbei.

Über Tobias Morig

Tobias Morig
Tobias Morig arbeitet als freier Kinder- und Jugendbetreuer in Halle/Saale, in erster Linie in natur- und zirkuspädagogischen Projekten. Sein Ziel ist es Kinder mit Spaß in Bewegung zu bringen und sie so psychomotorisch zu fördern. Hauptsächlich arbeitet er beim PSV Hallesche Pferdefreunde e.V., wo er unterschiedliche Angebote für Kinder und Jugendliche, sowohl nach der Schule als auch in den Ferien anbietet. Außerdem ist er passionierter Jongleur und spielt Gaukelei- und Feuershows.

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