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Zurück zum natürlichen Miteinander – Zirkusprojekte als Chance nach Corona

Wir erleben gerade schwierige und für die meisten von uns noch nie dagewesene Zeiten! Staaten laufen auf Minimalbetrieb, Schulen und Kitas haben geschlossen, Kulturveranstaltungen und Freizeitaktivitäten sind über einen sehr langen noch nicht absehbaren Zeitraum untersagt, soziales Miteinander ist nur mit den wenigsten Menschen erlaubt, Schutzmasken müssen getragen werden und Menschen sollten auf Abstand bleiben. Alles zum Schutze unserer Mitmenschen und uns selbst.

Doch was vermitteln wir unseren jüngsten Generationen durch diese Maßnahmen? Wie erleben Kinder diese Situation, wie gehen sie mit ihren eigenen sowie den Ängsten und Unsicherheiten der Erwachsenen um, die ihre Vorbilder sind und ihnen Sicherheit und Vertrauen vermitteln sollen? Wie und wo können Ängste abgebaut werden?

Menschen sind soziale Wesen, wir brauchen menschliche Kontakte um zu Überleben, um uns zu entwickeln. Soziales Miteinander ist sowohl ein Grundpfeiler unseres menschlichen Daseins als auch unserer Gesellschaft.

Kinder lernen schnell, sie adaptieren Verhaltensweisen und verstehen dabei den Hintergrund nicht in Gänze. Sie lernen derzeit, dass soziale Kontakte lebensbedrohlich sind, der Freund gefährlich ist, die Nachbarin und sogar das Kind den bösen Virus übertragen können und sich und andere dadurch gefährden. Was macht das mit der Psyche und dem Selbstwertgefühl unserer Kinder, wenn auch schon wir als Erwachsene mit der Situation überfordert sind?

Stellen wir uns vor, wie es nach Corona weitergehen kann. Wird auf einmal wieder alles gut sein? Werden wir unsere Freunde wieder sehen können, den Freizeitaktivitäten nachgehen können? Werden wir uns unbeschwert wieder unter Menschen mischen können und werden unsere Kinder wieder diese uneingenommene Kontaktfreude zeigen können wie zuvor?

Könnte es nicht auch sein, dass wir nach wie vor misstrauisch sein werden, nach wie vor Angst vor Übertragung haben werden, Menschen meiden und uns fragen werden, ob gewisse Tätigkeiten, Treffen und Veranstaltungen nötig sind. Aber möchten wir das? Möchten wir uns nicht lieber wieder unbeschwert treffen können, Theatervorstellungen besuchen können, Verwandte umarmen dürfen?

Unsere Einstellung und unsere Ängste können wir nur durch unser Tun überwinden. Und hier ist die Zirkuspädagogik für den pädagogischen und schulischen Bereich eine ungemeine Chance.

In einem Zirkusprojekt taucht eine Schulgemeinschaft eine Woche lang in die schillernde Welt der Artistik ein. Schüler/Innen lernen jonglieren, das Diabolo spielen oder die Akrobatik. Wie vielfach beschrieben trainieren Kinder und Jugendliche hierdurch ihre motorischen Fähigkeiten, sie üben sich in Geduld, zeigen Ausdauer bis sie den gewünschten Trick beherrschen und wachsen in einer abschließenden Aufführung vor applaudierendem Publikum über sich hinaus. Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl werden ungemein gesteigert. Doch das ist nicht alles!

Eine Zirkusaufführung kann nur gelingen, wenn alle gemeinsam daran arbeiten. Nehmen wir die Akrobatik als Beispiel: Es werden Pyramiden gebaut, je mehr Kinder desto höher gehts. Je uneingeschränkter man sich auf andere einlässt, umso besser kann die Gruppe zusammenarbeiten. Man muss sich berühren, aufeinander steigen und sich an den Händen halten.

Im Tun, im täglichen Üben bauen die Kinder Vertrauen zueinander auf, lernen, dass ihre Mitschüler/Innen sie nicht fallen lassen, nicht weg krabbeln. Und über dieses Tun können Kinder und Jugendliche auch wieder lernen, dass nichts passiert, wenn sie ihren Mitschüler/Innen die Hände geben. Ganz im Gegenteil! Sie lernen, dass gerade durch das soziale Miteinander etwas ganz Großartiges entstehen kann.

Es ist in der momentanen Situation vermutlich erschreckend, sich vorzustellen, was passieren kann, wenn eine Großgruppe gemeinsam Akrobatik macht. Wenn wir uns aber gerade dabei ertappt haben, beim Thema Hände geben zu stocken, dann ist es schon soweit, dass wir unser jetziges Verhalten automatisieren. Dazu sollte es nicht kommen!

Unser derzeitiges Verhalten ist nötig, um die Verletzlichsten unserer Gesellschaft zu schützen. Doch die Maßnahmen werden enden und ihre sozialen und psychologischen Auswirkungen müssen dringend aufgefangen werden. Schüler/innen haben wochenlang zu Hause verbracht, viel vor dem Fernseher und dem Internet, viel alleine oder, wenn sie Glück hatten, mit liebevollen Familien.

Sobald die Schule wieder startet heißt es, dass natürlich einiges an Stoff nachgeholt werden muss. Sicher lässt sich der gemeinsame Unterricht nicht durch digitales Lernen ersetzen! Aber welchen Unterschied macht eine Woche mehr Unterricht, wenn man sich der Ängste der Kinder nicht adäquat annehmen kann? Brauchen unsere Kinder nicht zunächst vielmehr das Gefühl, wieder zusammen sein zu dürfen? Sollten wir ihre Ängste nicht spielerisch abbauen und ihnen durch Projekte wieder unbeschwerte Freude an Gemeinsamkeit schenken?

Nach tristen Tagen alleine zu Hause mit ihren Freunden in der Manege stehen zu dürfen und die schillernde Welt des Zirkus miteinander erleben zu dürfen wäre ein Weg zurück zu einer unbeschwerten Schulgemeinschaft.

Wir kämpfen gerade gegen ein Virus und dessen Ausbreitung, lasst uns danach für unsere Kinder und eine soziale Welt einstehen, in der ein natürliches und unbeschwertes Miteinander wieder möglich ist.

Über Inga Schäfer

Inga Schäfer
Inga ist Diplom-Pädagogin mit Zirkuspädagogikfortbildung im Zentrum für Artistik (ZAK) Köln und einem Introductory Certificate der Circomedia (Centre for Contemporary Circus and Physical Theatre) in Bristol/ UK. Sie arbeitet freiberuflich als Zirkuspädagogin für verschiedene Projektanbieter und Einrichtungen in Deutschland und Österreich sowie als Hula Hoop-Artistin für verschiedene Events. Da die Zirkuspädagogik für sie eines der interessantesten und spannendsten pädagogischen Felder ist, möchte sie dazu beitragen, diese bekannter zu machen. Daher schreibt sie nun für zirkuspaedagogik.de als Gastautorin und teilt ihre Erfahrungen aus ihrer Arbeit im zirkuspädagogischen Bereich.

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